Sie scheinen eine veraltete Version der Internet Explorers zu verwenden, die von dieser Webseite nicht unterstützt wird. Bitte nutzen Sie einen Browser wie zum Beispiel Microsoft Edge, Chrome, Firefox oder Safari in einer aktuellen Version.

Die PNH ist eine seltene, nicht vererbbare Blutkrankheit, der eine im Laufe des Lebens erworbene genetische Veränderung in den Vorläuferzellen (pluripotente Stammzellen) der roten und weißen Blutkörperchen sowie der Blutplättchen zugrunde liegt. Den Nachkommen der betroffenen Zellen fehlen bestimmte Eiweiße auf der Zelloberfläche, weshalb sie nicht mehr gegen Angriffe durch das Komplementsystem (ein wichtiger Teil der körpereigenen Abwehr) geschützt sind. Vor allem die Zerstörung der roten Blutkörperchen ist verantwortlich für eine Vielzahl von Beschwerden und Komplikationen.

Hier erfahren Sie alles über …

Was ist der Auslöser der PNH?

Die Entstehung der PNH kann auf eine Veränderung (Mutation) in einem bestimmten Abschnitt des Erbgutes, des sogenannten PIG-A-Gens, zurückgeführt werden. Dieses Gen (Einheit der im Erbgut des Menschen enthaltenen Erbinformation) enthält den Bauplan für das Protein Glykosylphosphatidylinositol-Transferase Untereinheit A. Es ist an der Ausbildung des Glykosylphosphatidylinositol-Ankers (GPI) beteiligt, das verschiedene Eiweiße auf der Zelloberfläche verankert. Wenn die PIG-A-Genmutation in einer Blutstammzelle des Knochenmarks auftritt, dann wird dieser Defekt an alle daraus entstehenden Zellen weitergegeben: Sowohl allen neuen Blutstammzellen als auch den sich daraus entwickelnden roten und weißen Blutkörperchen (PNH-Erythrozyten und PNH-Leukozyten) sowie Blutplättchen (Thrombozyten) fehlen folglich GPI-verankerte Proteine auf der Zelloberfläche. Das macht besonders PNH-Erythrozyten anfällig für eine Zerstörung durch das Komplementsystem (Hämolyse).1

Der Anteil der mutierten PNH-Zellen an der Zell-Gesamtheit wird als PNH-Klon-Größe bezeichnet, die zum einen für die Diagnostik und zum andern für die Behandlung der PNH von Bedeutung ist.

Die Grafik zeigt jeweils eine Blutzelle mit PNH-Mutation und eine ohne. Bei der Bluzelle mit Mutaion fehlen die Schutzproteine. Dadurch ist die Zelle schutzlos und das Komplementsystem kann die Blutzelle zerstören.

Abbildung 1

Die Rolle des Komplementsystems bei der PNH

Das Komplementsystem ist als wichtiger Teil des angeborenen Abwehrsystems an der direkten Zerstörung von Bakterien, Viren sowie abnormer Zellen beteiligt. Zudem markiert es körperfremde Zellen, damit diese von bestimmten Abwehrzellen erkannt und vernichtet werden können.2 Normalerweise sind die Blutzellen durch die GPI-verankerten Komplementregulatoren auf der Zelloberfläche geschützt. Bei Menschen mit PNH fehlen diese Schutzproteine auf den Blutzellen, was vor allem rote Blutkörperchen (PNH-Erythrozyten) besonders empfindlich gegenüber einer Komplement-vermittelten Zerstörung macht.1

Die mehr als 40 zum Komplementsystem gehörigen Proteine sind im Blut und auf der Oberfläche von Zellen zu finden. Durch den Kontakt mit Erregern wird eine komplexe Signalkaskade ausgelöst, in deren Verlauf verschiedene Komplement-Komponenten nach und nach aktiviert werden (siehe Abbildung 2).

Abbildung des proximalen und terminalen Komplementsystems bei PNH

Abbildung 2

Das Komplementsystem wird in zwei Bereiche eingeteilt – das proximale und das terminale Komplementsystem. Der proximale Teil beinhaltet alle Schritte von der Erkennung körperfremder Zellen bis hin zur Bildung der C3-Konvertase, die die Komplement-Komponente C3 spaltet. Die C3-Fragmente können sich auf der Oberfläche von Krankheitserregern, aber auch an ungeschützte PNH-Erythrozyten anlagern. Durch diesen als Opsonierung bezeichneten Vorgang werden PNH-Erythrozyten für den Abbau durch Riesenfresszellen (Makrophagen) in Leber und Milz markiert. Außerdem lösen die Spaltprodukte von C3 die Spaltung von C5 aus. Der terminale Teil ist die gemeinsame Endstrecke, die zur Bildung des Membranangriffskomplexes führt. Dieser bildet eine Pore in der Zelloberfläche und trägt so zur Zerstörung (Lyse) von Krankheitserregern und ungeschützten PNH-Erythrozyten bei.2

Symptome der PNH

Die Triade aus Hämolyse (Zerstörung der Erythrozyten), Thrombosen (Blutgerinnseln) und Zytopenie/Panzytopenie (Verminderung einer oder mehrerer Arten von Blutzellen) ist verantwortlich für das breitgefächerte Beschwerdebild der PNH.1

Die wichtigsten Symptome der PNH lassen sich auf eine kontinuierliche Zerstörung der PNH-Erythrozyten durch das Komplementsystem in den Gefäßen (intravasale Hämolyse) zurückführen.

Hauptaufgabe gesunder roter Blutkörperchen ist es, Sauerstoff mithilfe des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin zu den verschiedenen Organen und Geweben des Körpers zu transportieren. Ein Mangel an roten Blutzellen geht daher mit den typischen Zeichen einer Blutarmut (Anämie) einher: Fast 80 % aller Betroffenen mit PNH leiden unter Fatigue, einer anhaltenden ausgeprägten Müdigkeit und rund die Hälfte klagt über Kurzatmigkeit (Dyspnoe).3 Zusätzlich kann die Anämie durch den frühzeitigen Abbau der roten Blutkörperchen in Leber und Milz (extravasale Hämolyse) sowie ein Knochenmarkversagen verstärkt werden.4 

Abbildung der PNH-Symptome

Abbildung 3

Zytopenie und Panztopenie: Wenn das Knochenmark versagt

Der Mangel an roten Blutkörperchen gehört zu den klassischen Zeichen der PNH. Einige Betroffene weisen neben dem PNH-typischen Mangel an roten Blutkörperchen (Erythropenie) aber auch einen Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie) und/oder bestimmten weißen Blutkörperchen (Neutropenie) auf. Folge des Plättchenmangels ist eine erhöhte Blutungsneigung, die sich durch häufiges Nasen- und Zahnfleischbluten, kleine punktförmige Hauteinblutungen (Petechien) sowie vermehrt blaue Flecke äußern kann. Patient*innen mit einem Mangel an weißen Blutkörperchen sind anfällig für Infekte.

In einem blau umrandeten Kreis liegen ungleichförmige, orangefarbene Kacheln. Zwischen den Kachel befinden sich breite Fugen.

Die starke Verminderung einer bestimmten Zellreihe wird als Zytopenie, die aller drei Zelltypen als Panzytopenie bezeichnet. Ursache für die eingeschränkte Bildung mehrerer Arten von Blutzellen ist in der Regel eine schwere Störung des Knochenmarks z. B. eine aplastische Anämie.5 Die PNH tritt dann sozusagen als Begleiterscheinung dieser Knochenmarkserkrankung auf.

Infektionen, Impfungen oder starke körperliche Belastungen können zu einer anfallsartigen Steigerung der Hämolyse in Form einer hämolytischen Krise führen und die aufgeführten Symptome noch deutlich verschlimmern. Der massenhafte Zerfall der roten Blutkörperchen (PNH-Erythrozyten) in den Blutgefäßen (intravasale Hämolyse) ist verantwortlich für das auffälligste und damit namensgebende Symptom der Erkrankung – die paroxysmale (plötzlich auftretende) nächtliche Hämoglobinurie: Der aus den roten Blutkörperchen freigesetzte Blutfarbstoff Hämoglobin kann sich im Urin anreichern (Hämoglobinurie) und diesen vor allem in den frühen Morgenstunden, aufgrund der Konzentration des Urins über die Nachtstunden hinweg, dunkelrot bis braun verfärben.1 Die Verfärbung kann irrtümlicherweise für Blut im Urin gehalten werden.  

Hämoglobinurie – Mein Urin sieht aus wie Cola?!

Diverse Urinproben auf einem Labortisch. 
AdobeStock 126267234 Chatsikan

Wenn der Urin dunkler als üblich erscheint, sich rot oder braun färbt, kann dies verschiedene Ursachen haben. Dabei ist eine Hämoglobinurie etwas anderes als Blut im Urin (Hämaturie).

Darüber hinaus entwickeln fast zwei Drittel aller PNH-Patient*innen eine chronische Nierenfunktionsstörung, die sich unter anderem durch eine verminderte Urinmenge, Wassereinlagerungen im Gewebe und Luftnot bemerkbar machen kann.1

Das während der Hämolyse aus den zerstörten Erythrozyten freigesetzte Hämoglobin bindet freies Stickstoffmonoxid (NO), das unter anderem die Spannung der glatten Muskulatur reguliert. Ein Stickstoffmangel führt dazu, dass sich die glatte Muskulatur verkrampft. Die Folge sind Rückenschmerzen, Bauchschmerzen oder Brustschmerzen, aber auch Schluckbeschwerden und Erektionsstörungen können auftreten.1

Da Stickstoffmonoxid zudem das Zusammenlagern der Thrombozyten hemmt, erhöht ein Mangel die Gefahr von Thrombosen  (Blutgerinnseln). Gemeinsam mit einer erhöhten Spannung der glatten Gefäßmuskulatur begünstigen wiederkehrende Blutgerinnsel die Entstehung einer pulmonalen Hypertonie (Lungenhochdruck), wodurch die durch die hämolytische Anämie bedingte Kurzatmigkeit noch weiter verstärkt wird.1 

Video Poetry-Slam: Komplement, was? Wenn das Komplementsystem krank macht: Paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie

Wie entsteht die PNH? Welche Symptome sind typisch für sie? Und welche Rolle spielt dabei das Komplementsystem? Der Slam-Poet Nils Straatmann gibt auf künstlerische und packende Art Antworten auf diese Fragen. Erfahren Sie außerdem, welche wichtigen Botschaften der Poet für Betroffene bereithält.

Häufig gestellte Fragen:

Was ist PNH?

Die PNH (paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie) ist eine seltene, erworbene Bluterkrankung, die auf der Zerstörung der roten Blutkörperchen beruht und zu einer Vielzahl verschiedener Symptome und Komplikationen führen kann.

Ist die PNH vererbbar?

Nein. Die PNH ist nicht angeboren. Die Erbgut-Veränderung in den blutbildenden Stammzellen entsteht erst im Laufe des Lebens und kann nicht an die Kinder weitergegeben werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Ein Mann sitzt an einem Tisch vor einem aufgeklappten Notebook und bedeckt mit beiden Händen das Gesicht.
iStock 1450980413 Nes

Fatigue

Anhaltende starke Erschöpfung gehört zu den häufigsten und belastendsten Symptomen der PNH. Die Fatigue kann den Alltag PNH-Betroffener stark einschränken.

Schematische Darstellung eines roten Blutkörperchens als roter Kreis mit Einbuchtung in der Mitte. Die rechte Hälfte des Blutkörperchens ist als rotes pulveriges Material dargestellt.
AdobeStock 148587006 flashmovie

Hämolyse

Wenn sich die roten Blutkörperchen auflösen, kann das verschiedene Ursachen haben. Bei der PNH ist die Zerstörung der ungeschützten PNH-Erythrozyten durch das Komplementsystem verantwortlich für die Entwicklung einer Blutarmut und für ein erhöhtes Thromboserisiko.

Quellen:

  1. Onkopedia-Leitlinie Paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie. Stand Juni 2023. https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/paroxysmale-naechtliche-haemoglobinurie-pnh/@@guideline/html/index.html#24, zuletzt aufgerufen am 12.07.2023
  2. DocCheck Flexikon. Komplementsystem. https://flexikon.doccheck.com/de/Komplementsystem, zuletzt aufgerufen am 12.07.2023
  3. Schrezenmeier H, et al. Baseline characteristics and disease burden in patients in the International Paroxysmal Nocturnal Hemoglobinuria Registry. Haematologica 2014;99(5):922-9
  4. Hill A, et al. Paroxysmal nocturnal haemoglobinuria. Nat Rev Dis Prim 2017;3(1):17028.
  5. DocCheck Flexikon. Panzytopenie. https://flexikon.doccheck.com/de/Panzytopenie, zuletzt aufgerufen am 12.07.2023